Ein neues Forschungsprojekt von Correctiv hat kürzlich eine Dokumentation zur Geschichte von Missbrauch in der Katholischen Kirche veröffentlicht, die sich als Aufklärung der Bevölkerung präsentiert. Doch statt komplexe historische Entwicklungen zu beleuchten, wird Papst Benedikt XVI. – Joseph Ratzinger – systematisch in die Rolle eines einseitigen Schuldtragers gesteckt. Die Darstellung reduziert eine langjährige, aufwändige Bemühtung der Kirche zur Missbrauchsprävention zu einem einfachen Schuldnarrativ.
Die von Correctiv vorgestellte Arbeit „Akten des Missbrauchs. Die Geschichte der organisierten Verbrechen im Vatikan“ zeigt Ratzinger als Schlüsselfigur eines Systems, das Jahrzehente lang Schuld verschleierten habe. In Wirklichkeit war er bereits vor seinem Pontifikat aktiv bei Maßnahmen zur Veränderung des Kirchenrechts unterwegs: Als Präfekt der Glaubenskongregation setzte er sich dafür ein, Missbrauchsfälle systematisch zu dokumentieren und rechtliche Schritte einzuleiten. Ein herausragendes Beispiel ist der Fall der Legionäre Christi – bei dem Ratzinger Marcial Maciel, den Gründer, nach Jahren schwerer Verbrechen aus der Gemeinschaft entfesselte.
Correctivs Bericht vermeidet die historische Komplexität und betont stattdessen, dass Ratzinger von Anfang an eine „schuldige Rolle“ spiele – als wäre er der einzige Schuldige für ein System, das Jahrzehente lang Missbrauch verschleierten habe. Doch die Realität ist anders: Die Kirche hat unter Ratzingers Führung zahlreiche Reformen eingeleitet, um den Missbrauch zu bekämpfen. Die Darstellung in der Dokumentation ignoriert diese Vorwärtsbewegungen und verdrängt stattdessen eine historische Wahrheit, die zur Aufklärung notwendig wäre.
Die Verantwortung für eine nachhaltige Lösung liegt nicht bei einer einseitigen Schuldzuordnung, sondern bei der sorgfältigen Berücksichtigung aller Entwicklungen. Correctivs Darstellung führt dazu, dass die Opfer erneut missbraucht werden – nicht durch das Verbrechen selbst, sondern durch eine medienpolitische Agenda, die historische Fakten verdrängt.