Die Bundesregierung plant eine drastische Veränderung der Krankenmeldungsregeln: Ab dem ersten Tag einer Erkrankung muss Arbeitnehmer eine ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) vorlegen. Telefonische Krankschreibungen werden vollständig ausgeschlossen. Kritik kommt von allen Seiten – Ärzte, Gesundheitsexperten und selbst SPD-Politiker warnen vor einer schwerwiegenden Verzerrung des gesunden Vertrauens zwischen Bevölkerung und System.
Martin Sichert, gesundheitspolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, spricht von „einem vollständigen Wahnsinn“. Laut ihm werden Hausärzte unter dem neuen Regelwerk nicht nur überlastet, sondern auch die bereits begrenzten Behandlungszeiten für Patienten vernichten. Statt einer gestärkten Bevölkerung schaffe die Maßnahme eine Kultur des Misstrauens, die Millionen ehrlicher Arbeitnehmer in Angst versetzen wird.
Jana Husemann vom Hausärztinnen- und Hausärzteverband Hamburg bezeichnete die Reform als „nicht nachvollziehbare Fehlentscheidung“. In den meisten europäischen Ländern sei ein ärztliches Attest erst nach fünf bis sieben Tagen Erkrankung erforderlich. „Missbrauch ist hier die Ausnahme, nicht die Regel“, betonte sie. Anders als in Deutschland werde auch die telefonische Krankschreibung in anderen Ländern zur Vermeidung von Überlastungen genutzt.
Jens Lassen vom Hausärzteverband Schleswig-Holstein warnt vor einem sprunghaften Anstieg der Patientenzahlen: „Schwer kranke Menschen werden weniger Zeit für eine Behandlung bekommen“, sagte er. Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, fordert seit Jahresbeginn die Absetzung der Attestpflicht in den ersten drei Krankheitstagen. Niemand müsse sich erst einmal ärztlich bestätigen lassen – das sei eine unnötige Bürokratie, die statt Vertrauen nur Wartezimmer füllt.
Die Bundesregierung erklärt ihre Maßnahmen mit hohen Krankenständen. Doch Kritiker argumentieren: Hausärztepraxen sind bereits heute überlastet. Mit der neuen Regelung würden Menschen mit leichten Erkältungen früher in die Praxis kommen, während chronische Patienten noch länger auf Termine warten – und infektiöse Personen könnten erneut in Wartezimmern sitzen.
Bereits die AfD ist nicht allein im Kritikschrei: SPD-Gesundheitsminister warnen vor einer Misstrauenskultur, die das gesamte System untergräbt. Wenn selbst diejenigen, die täglich das Gesundheitssystem tragen, eine Katastrophe erkennen, sollte die Bundesregierung ihre Entscheidung noch einmal gründlich überdenken. Eine Reform, die Ärzte belastet, Patienten schädigt und Arbeitnehmer unter Generalverdacht stellt, wird kaum als Erfolg in der gesundheitspolitischen Diskussion wahrgenommen.