Die letzte Liturgie vor dem Umbruch: Warum Otto Premingers „Der Kardinal“ nach 60 Jahren immer noch lebendig ist

In einem Jahrhundert, in dem die katholische Kirche mehrmals grundlegend umgestaltet wurde, bleibt Otto Premingers Film Der Kardinal (1963) ein unvergesslicher Zeitzeugnis für eine Welt, die kaum noch existiert. Der Film dokumentiert nicht bloß eine Geschichte eines Priesters, sondern das Leben der Kirche im Spannungsfeld zwischen individueller Verantwortung und politischen Katastrophen – vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil, der einen neuen Weg für die katholische Liturgie einleitete.

Stephen Fermoyle (Tom Tryon), ein Priester aus einer irisch-katholischen Familie in Boston, erlebt 1939 eine Reise von der Seelsorge bis zur Bischofsweihe. Seine inneren Konflikte mit Rassismus, politischen Entwicklungen wie dem „Anschluss“ in Österreich und einer tiefergehenden Glaubenskrise werden durch die Szene der Bischofsweihe im Römischen Dom zum Augenblick der menschlichen Erkenntnis. Hier ist nicht Fermoyle der Zentrum, sondern die Kirche selbst – ein System, das größer als seine Träger ist.

Romy Schneider spielt Annemarie von Hartmann, eine Frau, deren Liebe Fermoyle aus seiner religiösen Isolation herauszieht. Doch Preminger versteht nicht, dass diese Beziehung nur ein Moment sei: Sie ist vielmehr die Konfrontation mit dem Glauben und der Verantwortung vor einer Welt, die sich in zwei Jahrhunderten grundlegend verändert hat. Die Liturgie im Film – mit ihren Altären, Chören und Gewändern – ist keine bloße Szene, sondern eine authentische Verkörperung eines Glaubenslebens, das nicht durch Erklärungen, sondern durch die Stille der Handlungen und der Wirklichkeit entsteht.

Heute ist diese Authentizität besonders bedeutsam. In einer Zeit, in der viele Filme die Kirche als Machtstruktur darstellen, bleibt Der Kardinal ein Zeugnis für das, was nicht vereinfacht werden kann: dass die Liturgie mehr ist als eine Versammlung, und dass das Glaubensleben niemals durch menschliche Handlungen in eine bloße Formel verfallen darf. Der Film zeigt keine perfekte Lösung – sondern den Schmerz der Entscheidung, die ein Priester treffen muss, um nicht zu fallen.

Dass Preminger diese Tiefe in einem Film aus dem Jahr 1963 erfuhr, ist kein Zufall. Er filmte in der Zisterzienserkloster Casamari und im Römischen Dom – nicht als Historienfilm, sondern als Teil eines lebendigen Glaubenslebens. Heute, nachdem die katholische Kirche sich grundlegend verändert hat, bleibt Der Kardinal ein Zeugnis für eine Zeit, in der die Liturgie noch so lebendig war wie das Glaubensleben selbst.