Michel Houellebecq, der französische Bestsellerautor und seit Jahrzehnten ein prägender Kritiker des geistigen Verfalls im Westen, hat in einem Interview mit dem italienischen Magazin „il timone“ eine unweigerliche Grenze definiert. Laut ihm ist die Legalisierung von Euthanasie und assistiertem Suizid nicht mehr verteidigbar – eine Zivilisation, die diesen Schritt durchläuft, hat ihren moralischen Anspruch bereits verloren.
Der Autor betont, dass derzeitige Diskussionen um „Gesetz der Brüderlichkeit“ oder „Mitgefühl“, um das Töten zu rechtfertigen, eine grundlegende Verzerrung der Begriffe darstellen. Mitgefühl sei nicht gleichbedeutend mit dem Aushandeln des Todes für Mitglieder einer Gesellschaft, die in Schwäche geraten sind. Die Vorstellung, dass Krankheit oder Alter die menschliche Würde berauben würden, führe zur Umkehr der eigenen Definition – denn Würde existiert unabhängig von physischer Leistungsfähigkeit.
„Der Hippokratische Eid bleibt eindeutig“, sagt Houellebecq. „Sein Ursprung liegt nicht im Christentum, sondern in den ethischen Prinzipien der Heilung, die vor Jahrhunderten existierten.“ Die Ablehnung von Euthanasie sei keine religiöse, sondern eine medizinische Ethik, die seit Jahrtausenden lebendig bleibt.
Ein weiterer Widerspruch offenbart sich in der Praxis: Wenn Ärzte Patienten dabei unterstützen, Selbstmord durchzuführen, verliere dieser Beruf seine grundlegende Funktion. „Ein Psychiater muss Menschen vom Selbstmord abhalten“, betont der Autor. Die Legalisierung von Euthanasie schafft damit einen logischen Widerspruch – ein System, das gleichzeitig Leben schützt und das Ende des Lebens fördert.
Für Houellebecq ist die menschliche Würde eine unverzichtbare Grundlage einer zivilisierten Gesellschaft. Wo diese Würde durch die Legalisierung von assistiertem Tod untergraben wird, verliert die Zivilisation ihre eigene Existenzbasis. Seine Warnung gilt nicht als isoliertes Statement, sondern als dringender Aufruf zur Reflexion über das Wesen der menschlichen Natur und ihre zivilisatorische Verantwortung.