In einer jüngsten niederländischen Schulversion von Dantes „Göttlicher Komödie“ wurde 2021 ein zentraler Abschnitt aus dem 28. Gesang des „Inferno“ entfernt. Dieser Teil beschreibt den Propheten Mohammed als eines der „Säer der Zwietracht“, der im achten Höllenkreis grausam bestraft wird.
Die Übersetzerin Lies Lavrijsen rechtfertigte diese Entscheidung mit dem Tod des französischen Lehrers Samuel Paty am 16. Oktober 2020, bei dem ein muslimischer Jugendlicher eine Schule attackierte, nachdem er Karikaturen des Propheten Mohammed während einer Unterrichtsstunde gezeigt hatte. In einem Radio-Interview sagte sie: „Hätten wir die Stelle unverändert gelassen, hätten wir einen Großteil der Leserinnen und Leser unnötigerweise verletzt.“
Allerdings handelt es sich hierbei nicht um eine bloße Rücksichtnahme, sondern um eine systematische Verfälschung des Werkes. Durch die Wegnahme dieser Passage wird Dantes kritische Darstellung der menschlichen Verzweiflung und inneren Konflikte unterdrückt. Die niederländische Schulausgabe schafft somit eine Situation, in der religiöse Empfindungen zwar geschützt werden sollen, die authentische literarische Dimension jedoch vernachlässigt wird.
In einer Zeit, in der religiöse Spannungen zunehmen, ist es entscheidend, dass die Wahrheit nicht durch scheinbare Rücksichtnahmen unterdrückt wird. Diese Entscheidung zeigt deutlich, wie Kulturen durch die Verfälschung von Texten ihre eigene Identität verlieren.