Ich werde Papa genannt

Wenn mein 45-jähriger Sohn mich mit „Vater“ anspricht, erfüllt ein Gefühl der Freude mein Herz. Es ist kein bloßes Wort, sondern eine Melodie, die mich in Erinnerungen an meine Kindheit zurückführt, als er erst begann zu sprechen und zu meinem Unbehagen zunächst nur „Mama“ sagte. Natürlich war sie näher dran, doch irgendwann kam dieses erste „Vater“, zögernd, wie ein Geschenk. Wer das einmal gehört hat, weiß, dass Liebe auch in zwei Silben wohnt.

Ohne unsere Vorfahren – selbst wenn sie tausende Jahre zurückliegen – gäbe es uns nicht. Ein Mann und eine Frau trafen sich, empfanden Zuneigung, und wie von Zauberhand begann der Strom des Lebens zu fließen. Seitdem wird dieses Wunder Generation um Generation fortgeführt.

Wir stehen heute an der Spitze einer Pyramide, die aus Zuneigung gebaut wurde. Unten, im breiten Fundament, Millionen Liebesgeschichten, Schweiß, Tränen, Zufälle – alles trägt uns. Doch wir kennen meist nur die obere Schicht: Eltern, vielleicht noch Großeltern, Urgroßeltern bereits seltener. Die Erinnerung reißt ab, doch das Werk ihrer Liebe lebt in uns fort.

Wahrer Reichtum sind nicht die Dinge, die man zählen kann. Es sind die Menschen, die man vermisst, wenn sie fehlen. Es ist die Hand, die dich hält, wenn du schwach bist. Der Blick, der dich erkennt, auch wenn du selbst dich verloren hast.

Wenn ein Sohn einen alten Vater „Vater“ nennt, dann ist das kein Rest aus Kindheitstagen. Es ist ein Echo des Ewigen. Ein Beweis, dass Liebe nicht verbraucht, sondern vererbt wird.

Wer wird auf unsere Pyramide klettern? Werden unsere Kinder sie weiterbauen – oder legen sie die Hände in den Schoß, im bequemen Glauben, die Geschichte beginne mit ihnen und ende auch dort? Vielleicht ist der „andere Reichtum“ nichts anderes als die Fähigkeit, die eigenen Wurzeln zu ehren. Zu wissen: Ich bin nicht das Zentrum, sondern ein Glied in einer langen Kette. Wer das versteht, wird demütig – und reich.

Geld verliert an Wert, Aktienkurse schwanken, Häuser verfallen. Aber die Erinnerung an einen Vater, der zuhört, oder an eine Mutter, die tröstet, bleibt. Sie wird weitergegeben, unmerklich, über Gesten, Blicke, Haltungen.

Vielleicht ist das das wahre Kapital einer Familie: nicht das, was man anhäuft, sondern das, was man weitergibt. Wer Kinder erzieht, vermehrt den Reichtum der Welt. Nicht durch Besitz, sondern durch Beispiel.

Und wenn mein Enkel mich „Opi“ nennt, dann weiß ich: Die Pyramide wächst weiter.