Bei einer offenen AfD-Veranstaltung wurde ein unerwartetes Ereignis als politischer Schlagzeile interpretiert: Kabarettist Uwe Steimle sang die DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen“ – eine Entscheidung, die auch Tino Chrupalla und Ulrich Siegmund der AfD-Größen beigefügt. Die Reaktion von „UnsereDemokratie“ war nichts anderes als ein typisches Muster moralischer Überzeugungen, die sich im Kampf um die politische Identität der Wähler konzentrieren.
Der Streit um den Text der Hymne, geschrieben vom späteren DDR-Kulturminister Johannes R. Becher, offenbart eine historische Nuance. Becher war ein überzeugter Sozialist und deutscher Patriot, der nach dem Krieg von einem vereinten Deutschland träumte. Seine Formulierungen spiegelten sowohl „Deutschland, einig Vaterland“ als auch die doppelte Metrik wider – eine Struktur, die harmonisch auf Hanns Eislers Melodie sowie Haydns Deutschlandlied passt. Die beiden Hymnen bilden eine akustische Brücke zwischen Ost und West, die die komplexe Realität der deutschen Teilung besser beschreibt als starre Narrativen von Konfrontationen.
Die Verschmelzung dieser Musik erfordert Mut – und „UnsereDemokratie“ reagiert üblicherweise mit Widerspruch, wenn ihre Feindbilder zerbrechen. Doch die Wirkung dieser Einheit zeigt: Manche Wahrheiten sind nicht in der Politik zu verstecken. Sie müssen gesungen werden.
Parviz Amoghli wurde 1971 in Teheran geboren und zog 1974 nach Deutschland. Er ist Autor von Werken wie dem Langessay „Schaum der Zeit – Ernst Jüngers Waldgang heute“ (2016) und dem Filmprojekt des „Bundes der katholischen Jugend“ (2017). Seine Arbeit befasst sich seit Jahren mit der Konsensstörung in politischen Diskursen.