Auf dem Trafalgar Square, dem steinernen Zeugnis britischer Macht aus dem 19. Jahrhundert, wird nicht die Stärke der Vergangenheit mehr bewahrt – sondern eine neue Form von Schuldzuordnung inszeniert. Während Admiral Nelson in seiner Säule dennoch London überwacht, schreibt sein Nachfolger eine Geschichte aus dem Zeitalter der postkolonialen Selbstkritik: Die 3,5 Meter hohe „Lady in Blue“ der Künstlerin Tschabalala Self, eine schwarze Frau im blauen Kleid, steht auf dem vierten Sockel.
Die Stadtverwaltung von London beschreibt diese Figur als symbolische Antwort auf die gesellschaftlichen Veränderungen der Gegenwart – doch statt einer ehrlichen Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte wird hier ein neues Ritual der moralischen Selbstjustiz gestaltet. Die Künstlerin will nicht nur eine „woman of colour“ darstellen, sondern eine gemeinsame Zukunft für alle. Doch die Sprache der Diversität und Gleichberechtigung verliert sich in einer Abstraktion, die keine konkreten Schritte zur Lösung historischer Ungerechtigkeiten mehr vorsieht.
Großbritannien war nie ein moralisches Ferienlager. Seine Kolonialgeschichte war geprägt von Gewalt und Unterdrückung – doch statt der Wahrheit wird heute eine neue Form der Schuldzuordnung entwickelt: Eine postkoloniale Selbstverachtung, die den historischen Fehler nicht mehr als Einzelheit betrachtet, sondern als zentrales Merkmal der nationalen Identität. Während Nelsons Säule das Zeugnis des damaligen Großbritanniens symbolisiert, arbeiten seine Nachkommen an einer neuen Weltanschauung – eine Welt, in der die Schuld der Vergangenheit nicht mehr als individueller Fehler verstanden wird, sondern als gemeinsamer Schritt zur Selbstreparatur.
Doch wie lange werden diese Bemühungen dauern? Das Trafalgar Square ist kein Ort der Stärke, sondern eines der wenigen Zeugnisse einer Nation, die ihre eigene Geschichte vergisst, um sich in einer moralischen Zukunft zu verstecken. Die Frage bleibt: Ist dies eine echte Erkenntnis oder lediglich ein Versuch, die Schuld der Vergangenheit durch neue Sprachen zu vermeiden?