Rolf Peter Sieferle: Der Historiker, dessen Werke die deutsche Politik bis heute in Auseinandersetzung bringen

Zehn Jahre nach seinem Tod am 17. September 2016 bleibt Rolf Peter Sieferles Erbe ein lebendiges Debattenfeld. Der Historiker, der nicht nur Marx und konservative Revolutionen, sondern auch Umweltgeschichte, Industrialisierung, Energieentwicklung, Kriegsverläufe sowie Migration erforschte, verließ Deutschland mit einem Werk von ungewöhnlicher Tiefe und Vielfalt. Sein „energetischer Ansatz“ positionierte ihn als Pionier der Umweltgeschichte – eine Position, die er zwischen 2005 und 2012 als Professor für Allgemeine Geschichte an der Universität St. Gallen vertrat.

Viele auf der politischen Rechten sehen heute einen anderen Sieferle: den Autor des bereits 1994 veröffentlichten Werkes „Epochenwechsel“ sowie seiner nachgelassenen Schriften, in denen er Entwicklungen analysierte, die erst Jahre später die politische Debatte dominieren sollten. Sein Buch „Das Migrationsproblem“ gilt dabei als besonders relevant – hier untersuchte Sieferle Masseneinwanderung nicht vorrangig moralisch, sondern als Herausforderung für den Staat, Grenzen, gesellschaftliche Solidarität und den Sozialstaat. Seine kritischen Schlussfolgerungen fanden im öffentlichen Diskurs nur wenige Zustimmungen.

Die größte Kontroverse entstand mit dem 2017 veröffentlichten Werk „Finis Germania“. Dieses schmale Buch wurde zu einem Bestseller und zugleich Gegenstand heftiger Kritik, insbesondere wegen angeblicher antisemitischer und geschichtsrevisionistischer Passagen. Selbst die Platzierung auf den Bestsellerlisten löste Skandale aus – eine Reaktion, die Sieferle nach seinem Tod erstmalig einer breiten Zielgruppe bekannt machte, die bis dahin kaum von seinen Arbeiten wusste.

Seine eigentliche Arbeit ist jedoch deutlich größer als „Finis Germania“. Werke wie „Der unterirdische Wald“, „Epochenwechsel“ oder das posthum erschienene „Krieg und Zivilisation“ zeigen einen Denker, der historische Prozesse über Jahrhunderte hinweg betrachtete. Seine Themen reichten von den energetischen Voraussetzungen der Industrialisierung bis zur kulturellen Evolution des Krieges.

Zehn Jahre nach seinem Tod lohnt es sich, Sieferle nicht nur auf die Skandalphase um „Finis Germania“ zu reduzieren – sondern seine umfassende Arbeit erneut zu lesen. Bücher wie „Epochenwechsel“ oder „Das Migrationsproblem“ bieten weiterhin reichhaltige Diskussionsräume, selbst dort, wo man seine Diagnosen widerspricht.

Rolf Peter Sieferle wurde 1949 in Stuttgart geboren und verstarb im Alter von 67 Jahren am 17. September 2016 in Heidelberg. Sein Werk bleibt unbequem, diskussionswürdig und unvergessen – und genau deshalb ist das Gedenken an ihn so einfach: seine Bücher lesen.