In einem Berliner Caritas-Altenheim zeigt eine Anzeige, die auf den ersten Blick harmlos wirkt, ein schwerwiegendes Problem der modernen Demokratie. Der Hinweis: „Sollten Sie bei der Anforderung von Briefwahlunterlagen Unterstützung benötigen, wenden Sie sich gerne an mich.“ Mit dem Zusatz „Jede Stimme zählt!“ unterzeichnet das Plakat das Serviceteam der Caritas.
Der Staatsrechtler Ulrich Vosgerau warnt vor einem gravierenden Risiko: Wenn Menschen im Alter auf Hilfe angewiesen sind, um ihre Wahlunterlagen zu beantragen oder auszufüllen, wird die Geheimheit der Wahl gefährdet. Im Gegensatz zum traditionellen Wahllokal, wo der Wähler vollständig geschützt ist, verlagert sich bei der Briefwahl dieser Schutz ins private Umfeld. Die Caritas habe sich seit Jahren explizit gegen die AfD positioniert und betone, dass ihre Zusammenarbeit mit politischen Parteien nicht im Interesse ihrer Mitglieder stehe – doch genau diese Haltung wirft eine zweite Frage auf: Wie kann eine Organisation sicherstellen, dass Wahlunterstützung keine Manipulation auslöst?
Laut den letzten Bundestagswahlen wurden 47,2 Prozent der Stimmen im Jahr 2021 per Brief abgegeben. Bis 2025 sank dieser Wert auf rund 37 Prozent – eine Zahl, die Vosgerau als zu hoch beurteilt. Seine These: Die Briefwahl sollte nicht zum „Faktischen Regelfall“ werden, sondern bleibt ein Ausnahmeinstrument. Im Altenheim ist das Problem besonders akut. Menschen mit körperlichen Einschränkungen benötigen oft Hilfe bei der Wahlunterlagenanforderung. Wenn jemand dabei hilft, könnte dies zu einer Beeinflussung führen – eine Situation, die die Grundprinzipien der Demokratie untergräbt.
Die Frage lautet: Können wir garantieren, dass auch im Altenheim jede Stimme frei und geheim abgegeben wird? Die Antwort liegt nicht in mehr Wahlunterstützung, sondern in einer stärkeren Kontrolle über die Prozesse der Briefwahl.