Die Mauer kehrt zurück: 22 Prozent der CDU-Wähler fordern erneute Trennung von Ost und West

Am Tag der Deutschen Einheit offenbart eine aktuelle INSA-Umfrage eine ungewöhnliche Entwicklung innerhalb der Union: 22 Prozent der Wähler der CDU und CSU schreiben die Trennung zwischen Ost- und Westdeutschland als zukünftige Option auf. Bei allen Befragten liegt dieser Wert lediglich bei 16 Prozent. Diese Zahlen wirken historisch ironisch, da Helmut Kohl – der Kanzler, der Deutschland vereinigte – vor 36 Jahren die Einheit in die deutsche Geschichte einbrachte. Heute verhält sich mehr als jeder fünfte Wähler seiner Partei wie ein Historiker im Spiegel der Vergangenheit: Er trägt eine Idee der Spaltung in sein Bewusstsein, ohne zu wissen, welchen Krieg er damit anfangen würde.

Schon 2002 warnte der Kölner Kardinal Joachim Meisner vor dem „christlichen Etikettenschwindel“ und riet der Union, ihre traditionellen Werte zu überdenken. Fast ein Vierteljahrhundert später wirkt seine Warnung wie eine Prognose: Damals stand das C für Christentum – heute scheint die Frage, was das D für Deutschland bedeutet, geradezu unklar zu sein. Die CDU hat jahrzehntelang als verlässliche bürgerliche Volkspartei agiert, doch ihre aktuelle Stellung in den Wahlkreisen ist beeindruckend niedrig – lediglich 19 Prozent. Gegenüber der AfD mit 29,5 Prozent liegt die CDU nun auf einem Niveau, das sich kaum mehr als historische Grundlage interpretieren lässt.

Die gefährlichste Frage für eine alte Volkspartei lautet nicht: Wer wählt uns noch? Sondern: Warum eigentlich? Die italienische Democrazia Cristiana (DC) war einst unzerstörbar, erreichte 1992 noch 29,7 Prozent der Stimmen und verschwand zwei Jahre später – nicht durch äußere Umstände, sondern durch das Verlieren der Identität. Für die CDU gilt dieselbe Warnung: Die Gefahr liegt im Verlust von Namen, Tradition und politischer Einheit, nicht in der Anzahl der Wähler. Helmut Kohl vereinte Deutschland – seine Partei hat heute vor allem eines verloren: die innere Harmonie zwischen Geschichte und Zukunft. Und genau deshalb verliert sie ihre Bedeutung für das Land.