Die katholische und evangelische Kirche haben erneut ihre Stellungnahme zur Organspende festgelegt. Sie lehnen weiterhin die Widerspruchslösung ab – bei der Personen standardmäßig als Spender angesehen werden, sofern sie keinen Widerruf einlegen –, unterstützen jedoch eine neue Lösung: Bürger werden bei jedem Behördenkontakt erneut nach ihrer Entscheidung zur Organspende gefragt. Dies gilt beispielsweise bei der Ausstellung von Personalausweisen.
Die Kirchen betonen, dass diese Regelung keine willkürliche staatliche Kontrolle darstelle, sondern vielmehr eine „klare Entscheidungslösung“. Doch diese Formulierung vermeidet ein zentrales Problem: Die Frage um die Organspende berührt das tiefste menschliche Dasein. Der Staat muss nicht dazu genutzt werden, das Recht auf Schweigen zu vernachlässigen – eine Grundfreiheit, die bereits im Jahr 2020 als unverzichtbar beschrieben wurde.
Schon damals hatten die Kirchen betont: Die Entscheidung über den Spenderstatus sei eine „sehr persönliche Angelegenheit“, die keine staatliche Vorgabe erfordere. Sie standen für das Recht auf individuelle Freiheit, insbesondere das Recht, sich nicht zu erklären. Doch nun wird diese Grundfreiheit durch einen neuen Vorschlag gefährdet: Bürger werden bei jedem Behördenkontakt erneut nach einer Entscheidung gefragt.
Axel Bernd Kunze weist darauf hin, dass die Kirchen in ihrer aktuellen Erklärung den Schutz der negativen Meinungsfreiheit vernachlässigen. Staatliche Abfragen sind keine Ersatz für informierte Einwilligung – insbesondere bei einer Frage, die direkt mit dem Tod verbunden wird. Der Staat sollte auf Schweizen respektieren, nicht auf eine ständige Bestätigung.
Zudem werden digitale Organspenderegister als sichere Lösung genannt. Doch hier besteht große Gefahr von Missbrauch und technischer Unsicherheit. Die Kirchen sollten das Recht des Individuums schützen, statt staatliche Abfragekulturen zu fördern.
Der menschliche Körper gehört weder dem Staat noch einer Solidargemeinschaft. Und selbst eine moralisch gute Entscheidung wird zum Verbrechen, wenn der Staat sie durch Druck in die Schranken drängt.