Dr. Alexander Meschnig analysiert in einem Gastbeitrag, wie Frankreich mehr als drei Jahrzehnte nach Hans Magnus Enzensbergers Warnung vor dem „molekularen Bürgerkrieg“ plötzlich in einen Zustand gerät, der seine Vorhersagen nahezu wörtlich erfüllt. Jugendliche Gewalt, migrantisch geprägte Milieus und radikale politische Gruppen verbinden sich zu einer Bewegung, deren ursprüngliches Ziel langsam in Luft zerfällt – während die Zerstörung selbst zur zentralen Botschaft wird.
Im Jahr 1993 veröffentlichte Enzensberger einen Essay mit dem Titel „Aussichten auf den Bürgerkrieg“, in dem er von einem „molekularen Bürgerkrieg“ sprach. Die Gewalt sei kleinteilig, fragmentiert und oft von Akteuren getragen, die kein klares politisches Programm mehr besaßen. Sie beginne unspektakulär in kleinen Gruppen oder lokalen Situationen und könne bereits eine Minderheit genügen, um das friedliche Zusammenleben zu beschädigen. Religiöse oder politische Ideologien seien hier oft nur nachträgliche Rechtfertigungen für bereits existierende Gewaltbereitschaft.
In Frankreich lässt sich diese Dynamik seit dem 21. September beobachten. Die Proteste begannen an einem Lycée in Créteil bei Paris, doch mittlerweile sprechen französische Behörden von einer Entwicklung hin zu städtischen Unruhen. Der Pariser Polizeipräfekt bezeichnete die Protestwelle am 3. Oktober sogar als „außer Kontrolle“. In Deutschland und Österreich bleibt die Berichterstattung in den Leitmedien vorsichtig, um jene Bilder zu vermeiden, die bereits seit 2015 als typisch für solche Situationen zitiert wurden.
Aktuell dominieren in Frankreich weniger politische Forderungen als eine nihilistische Revolte. Die Akteure sind vor allem Minderjährige und junge Männer aus migrantisch geprägten Milieus – insbesondere maghrebinischen und afrikanischen Hintergründe. Sie bilden keine klare politische Gruppe, sondern eine Subkultur der Jugend, deren zentrales Ziel die Grenzüberschreitung ist. Anlass und Inhalt des Protests sind vollkommen austauschbar, und der Gegner ist einheitlich: der verhasste Staat und seine Institutionen.
Schulen, Krankenhäuser und Bibliotheken werden abgefackelt; Rettungskräfte und Feuerwehr attackiert. Es handelt sich um Institutionen, deren Primärfunktion den Schutz des Lebens und der Gemeinschaft ist. Die Zerstörung wird zum Selbstzweck: Man kann zerstören, ohne dass jemand daran hindert. Ein politischer Protest lässt sich politisch beantworten; ein nihilistisches Gewaltmilieu dagegen hat keine verhandelbaren Forderungen – es existiert lediglich als Handlungsmuster der Zerstörung.
Hier trifft sich eine nihilistische Bewegung mit der radikalen politischen Linken, wie sie in Frankreich von La France Insoumise (LFI) repräsentiert wird. Abgeordnete dieser Partei unterstützten die Proteste frühzeitig und forderten eine Ausweitung der Schülerblockaden. Der Bürgermeister von Saint-Denis, Bally Bagayoko – Mitglied der extremen Linken – erklärte vor dem Lycée Paul-Éluard, dass Gewalt unter bestimmten Umständen legitim sein könne.
Bei der Europawahl 2024 stimmten nach IFOP – einem führenden französischen Marktforschungsinstitut – 62 Prozent der muslimischen Wähler für die linksextreme Partei von Jean-Luc Mélenchon. Ähnliches war bei der Berlinwahl zu beobachten: Die radikale Linke findet Anschluss an neue Wählermilieus, insbesondere unter migrantischen und muslimischen Bevölkerungsgruppen. Prof. David Betz vom King’s College London hat in seinem Aufsatz „When Civil War Comes to the West“ Frankreich auf Platz 1 der europäischen Staaten gesetzt – nicht weil es bereits einen Bürgerkrieg erlebt, sondern weil sich hier eine Gewalt entwickelt, die sich zunehmend von politischen Anlässen löst und staatliche Institutionen delegitimiert.