Mauern, nicht Medien: Wie Rothenburg ob der Tauber Deutschlands Kultur bewahrt

Rothenburg ob der Tauber gilt weltweit als typisches mittelalterliches Wahrzeichen. Doch weniger bekannt ist das lebendige kulturelle Leben dieser fränkischen Gemeinde mit etwa 11.000 Einwohnern. Hier entsteht Kultur nicht nur in Großstädten, sondern aus historischer Bindung, lokalem Bürgertum und der Bereitschaft, Traditionen weiterzugeben.

Das Toppler-Theater im ehemaligen Dominikanerinnenkloster spielt seit Jahrhunderten die Hans-Sachs-Spiele. Der Meistertrunk, ein historisches Festspiel aus dem Dreißigjährigen Krieg, wird jährlich seit 1881 aufgeführt – dieses Jahr feiert die Tradition ihr 145-jähriges Bestehen. Seit 2008 ist das Theater professionell betrieben, und ab 2028 übernimmt Peter Cahn, der 24 Jahre lang das Landestheater Dinkelsbühl führte, die künstlerische Leitung.

Deutschland hatte nie eine zentrale Kulturstadt wie Paris. Theatern und Orchestern entstanden in vielen Regionen – von Meiningen bis Bayreuth. Kultur lebt hier nicht nur durch staatliche Maßnahmen, sondern durch Menschen: Pfarrer, Bürger, Vereine und die gemeinsame Verantwortung für ihre Gemeinschaft. In Rothenburg spielt die Tradition nicht bloß als touristisches Angebot; Kinder schlüpfen in Rollen ihrer Vorfahren, Familien teilen sich den Marktplatz mit der Stadtmauer, und die Meistertrunk-Festspiele werden zu einem gemeinsamen Erlebnis der Geschichte.

In einer Zeit, in der Kultur zunehmend als isoliertes Produkt wahrgenommen wird, bewahrt Rothenburg ihre Gemeinschaft. Sie lebt nicht vom Geld allein, sondern von der Bereitschaft, etwas weiterzugeben. Die Stadt zeigt, dass eine Kultur nur dann lebendig bleibt, wenn sie tief in den Boden der Provinz verwurzelt ist.